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Neue Quellen zu Leben und Werk
von Heinrich Albert (1870 - 1950)

Andreas Stevens

Das Material, das ich von den Enkeln Heinrich Alberts erhalten habe, ist einzigartig und ist bisher nicht zugänglich gewesen. Selbst seine Existenz war bislang unbekannt. Es handelt sich um einzelne Dokumente wie Konservatoriums­zeugnisse, einige Zeugnisse aus der Zeit Alberts Orchestertätigkeit, Werbeprospekte und anderes. Den bedeutsameren Teil stellen zwei umfangreiche Bücher dar, auf die ich nun näher eingehen möchte.

Das erste Buch

 Deckblatt: Zeitungsausschnitte zu den öffentlichen Auftreten und Concerten von Heinrich Albert Das erste Buch beinhaltet akribisch genau und umfassend "Zeitungs-Ausschnitte zu den öffentlichen Auftreten und Conzerten von Heinrich Albert". Die Aufmachung dieses Buches legt es nahe, dass es Alberts künstlerische Aktivitäten für die Nachwelt dokumentieren soll. Dafür spricht die selbstverfasste Biographie und die Aufmachung des Buches. Es folgt eine Auflistung der Konzerte von 1900 - 1926. Diese Liste endet 1926 nach etwa 165 Konzerten, nicht etwa, weil keine Konzerte mehr stattfanden, sondern aus dem banalen Grund, dass sich Albert selbst zu wenig Platz für die chronologische Fortsetzung gelassen hatte. Im folgenden Teil geht Albert nach einem Grundmuster vor: Er datiert Ort und Datum des Konzerts, nennt Namen der Zeitung, Nummer und Erscheinungstag der Besprechung. Wenn er das Konzert mit anderen Musikern gemeinsam gestaltet hat, unterstreicht er fallweise den Part, in dem sein Auftreten beschrieben wird.  Eigenhändiger Lebenslauf von Heinrich Albert Oft ergänzt er eine Ansichtskarte zur Erinnerung an den Spielort. Gelegentlich bei besonderer Zustimmung oder dem genauen Gegenteil kommentiert er die Kritik mit Randbemerkungen. An einigen Stellen finden sich längere zusammenhängende Texte mit Stellungnahmen etwa zum 1. Weltkrieg oder zum Münchner Gitarren Quartett oder zum Beispiel Beschreibungen von Mozzani, Llobet etc..

Später, etwa gegen 1928, werden die Konzerte mit dem Münchner Gitarren Trio nur noch aufgelistet. Die Kritiken werden nicht aufgeführt. Gegen Ende des Buches ist die Vorgehensweise nicht mehr so konsequent. Eine Kritik wurde sogar doppelt benutzt, die Chronologie wird nicht beibehalten.

Der letzte wichtige, ausführlich dokumentierte Auftritt Heinrich Alberts war beim 22. Mozartfest in Würzburg 1943, bei dem er am Sonntag, den 27. Juni zweimal auftrat. Albert nimmt diesen würdigen Rahmen zum Anlass, sich von der Bühne zurückzuziehen, und verfasst einen künstlerischen Abschiedsbrief. Einige kurzgefasste Notizen über Radiokonzerte in München 1947 zeigen, dass es so endgültig, wie es in dem Brief geklungen hatte, wohl doch nicht war.

Die Fülle und Dichte der Informationen, die Albert uns hinterlässt, ist einzigartig. Sie lässt seinen künstlerischen Werdegang genauestens verfolgen. Die verschiedenen Stadien seiner Konzertkarriere lassen sich einteilen: am Anfang einzelne, eingestreute Solostücke in den Vereinskonzerten, danach Konzerte mit diversen Lautensängern (bspw. mit seiner Tochter Betty), seine ersten selbständigen Soloauftritte, seine ersten Besuche im benachbarten Ausland, die Loslösung vom gitarristischen Umfeld in München und sein Werdegang hin zum wichtigsten Vertreter im deutschsprachigen Raum, als dessen Endergebnis der Kammervirtuos Heinrich Albert als der Altmeister, der deutsche Meister unangefochten etabliert ist. Ebenso lässt sich der Rückgang dieser Erfolge inmitten einer katastrophalen wirtschaftlichen und politischen Situation nachvollziehen.

Das zweite Buch

Das zweite Buch ist ein privates Tagebuch, in dem Albert ebenso minutiös vorgeht: Ein Stammbaum, Fotos von Eltern, Geschwistern, Studienkollegen etc.. In diesem Buch findet sich viel Familiäres, Anekdoten und Reisebeschreibungen. Albert als Mensch wird deutlich. Einige seiner Eigenschaften treten hervor. Er gibt uns ausführliche Schilderungen aus seiner Zeit als Orchestermusiker; Hinweise auf Programme, bei denen er mitwirkte, Dirigenten, unter denen er spielte, Solisten, die er begleitete. Sein Werdegang vom Hornisten, der ebenfalls als Geiger ausgebildet war, führte über die Mandoline zur Gitarre. Interessante Details aus der Frühgeschichte der Mandolinistik in Deutschland sind ebenfalls zu erfahren.

Alberts Werdegang vom Orchestermusiker zum Privatlehrer verlief nicht so geradlinig wie bisher angenommen. Die materielle Situation, in der er sich bewegte, ist ebenfalls klar nachzuvollziehen. Seine Nöte, immerhin wurde seine Karriere durch zwei Weltkriege behindert, beschreibt er eindrucksvoll. Die Geschichte seiner Veröffentlichungen sowie die Zusammenarbeit mit seinen Verlegern, seine politischen Ansichten, all diese existenziellen Punkte lassen sich nun nachzeichnen.

Letzte Seite 1948 mit 50. Ehejubiläum

Fazit

Beide Bücher müssen parallel gelesen werden. Als Beispiel sei die Konzertreise genannt, die er mit seiner Tochter Betty unternommen hatte. Sie wurde künstlerisch ein Erfolg, wie die gesammelten Besprechungen es nahe legen. Im privaten Tagebuch kann man lesen, dass dem ein materieller Verlust von 3000 Mark gegenüberstand, außerdem erweckte dieser "Erfolg" großen Neid und Missgunst seines Münchner Umfelds.

Nach der Lektüre beider Bücher wurde mir eines klar: Das Bild Alberts ist unvollständig bzw. korrekturbedürftig.

 50. Ehejubiläum (Ausschnitt) In seiner Biographie klaffen, was besonders den Zeitraum ab spätestens 1930 betrifft, große Lücken. In Deutschland stellen die Fachzeitschriften ihr Erscheinen ein. Hier muss die Biographie ergänzt werden.

Ein zweiter Punkt ist ebenfalls äußerst bedeutsam: Nach dem Bruch mit der gitarristischen Vereinigung in München verlagerte Albert seine Aktivitäten nach Berlin, Wien etc.. München hatte seinen wichtigsten künstlerischen Repräsentanten verloren und Fritz Buek, der Vorsitzende der Gitarristischen Vereinigung München, wurde zum erklärten Gegner Alberts. Seine Abneigung dokumentierte er bspw. in seinem Buch "Die Gitarre und ihre Meister" (1926). Diese Quelle ist vergiftet, Albert soll kleingeschrieben werden. Die Positionen Alberts waren in der gitarristischen Szene bekannt, wurden aber kaum dokumentiert.

Wenn man sich aus der heutigen Position der damaligen Zeit zu nähern versucht, war man bislang gezwungen, auf das zugängliche Material zurückzugreifen. Durch die neue Quellenlage ist nun erstmalig die Voraussetzung gegeben, die Geschichte zu vervollständigen. Eine Vielzahl von Themenfeldern steht zur Bearbeitung an.

 

 

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03.12.2005